Samstag, 12. Oktober 2013

Blick vom Letten



Blick vom Letten auf Wannweil, Juni 2010. Rechts die Pfarrkirche St. Johannes der Täufer. 1891 ließ der württembergische Baurat Heinrich Dolmetsch (Lebenszeit 1847 bis 1908) den Turmaufsatz in dieser Form errichten. Jahrhundertelang hatte ein romanischer Turm das Ortsbild geprägt.

1911 wurde unter Bürgermeister Molfenter das 3. Schulhaus von Wannweil (Eisenbahnschule) errichtet. Grund war die Zunahme der Bevölkerung durch die Arbeitsplätze in der oberen und der unteren Fabrik. Eine grundlegende Sanierung erfolgte um 2008 unter Regie der Ortsbaumeisterin Mergenthaler. Das dazugehörige Aussichtstürmchen auf dem Dachfirst, ein Attribut des Jugendstils war schon bei einer vorangehenden Renovation entfernt worden. 2010 enthält das Gebäude 6 Wohnungen und im Erdgeschoß den Probenraum für den Musikverein Wannweil 1908. Vorindustrielle Bausubstanz ist kaum mehr zu finden. Nur ein einzelner Fachwerkgiebel an der Dorfstraße erinnert an die landwirtschaftliche Vergangenheit Wannweils.

1996 wurde das neue Rathaus nach Plänen des Stuttgarter Architekten Otto fertiggestellt. Es ersetzte den klassizistischen Vorgängerbau von 1839.

Botho Walldorf

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Hooverspeisung: Schulspeisung vor mehr als 60 Jahren


Schulspeisung 1981 mit Helene Klett von der Bäckerei Klett


Schulspeisung aus Wannweiler Sicht (Aus der Festschrift von A. Schmid, 1986, Seite 25):
Schulspeisung 1948-1956

Untergewichtige Schüler
Nach dem letzten Krieg setzte sich die Notzeit noch lange fort. Es gab nicht genug zu essen, hungrige Kinder waren die Regel. Auch in Wannweil gab es das.

Eine große Hilfe war die „Hoover-Speisung”, die auf Veranlassung des ehemaligen Präsidenten der USA Herbert Clark Hoover eingeführt wurde. Sie wurde unentgeltlich bis zum 30. 06. 1950 fortgeführt, wobei aber von den Eltern eine freiwillige Spende erbeten wurde. Essen (Eintopf) erhielten die Kinder, die 10% und mehr Untergewicht hatten. Das waren am 22. 10.1948, also noch 4 Monate nach der Währungsreform 90 Schüler von den damals 290 Schülern.

Auszug aus dem Schreiben an Eltern vom 6.12.1948:
„Ihr Kind ist zur Schulspeisung vorgesehen? Die Speisung findet an 5 Wochentagen statt (pro Speisung 350 Kalorien). Sind Sie bereit, freiwillig einen Kostenbeitrag von 40 Pfennig pro Woche zu leisten?”

Es wurden genaue Gewichtstabellen geführt und dem Amtsarzt gezeigt, der eigens zur Untersuchung auf Bedürftigkeit nach Wannweil kam. Die Lehrer mussten bei der Ausgabe der Speisen helfen, sie waren aber nicht sehr glücklich darüber: In der großen Pause mussten sie statt sich zu erholen Essen ausgeben. Lehrer B. klagte darüber, dass seine Frau mindestens jede Woche einmal einen bekleckerten Arbeitsmantel waschen müsse.

Schokolade in der Schule

Der Einfachheit halber wurden später sogenannte Fertigwaren verteilt: es gab Schokolade, Keks, Blockmalz, Studentenfutter und auch mal eine Schneckennudel. Zu Weihnachten gab es immer eine leckere Sonderration. Noch 1952, vier Jahre vor dem Bau der Uhlandschule, wurde von April bis zu den großen Sommerferien 254 kg Keks, 70 kg Schokolade und 63 kg Blockmalz ausgegeben.

Endgültig gestoppt wurde die Ausgabe dieser „Stärkungsmittel” an Kinder, bei denen die normale körperliche Entwicklung gestört war, im März 1953. Von da an gab es nur noch einen Zuschuss in Form von Geld: 25 Pfennig pro Tag.

(Aus der Festschrift von A. Schmid, 1986, Seite 25)

Dienstag, 8. Oktober 2013

10. Januar 1988: Eine Dampflok fährt durch Wannweil



... "aus eigener Kraft" und "im Schlepp" zwei weitere Dampfloks (64 289 und 24009), schreibt unser Bildertanz-Bahnexperte Botho Walldorf auf die Rückseite dieser Farbfotos.
Bildertanz-Quelle: Botho Walldorf

Samstag, 5. Oktober 2013

Zur Hausgeschichte des Hauses Wannweil Hauptstr. 18





Das Haus Hauptstr. 18 ist fotografisch relativ gut dokumentiert. Nur noch wenige alte Wannweiler sagen "bei der bösa Bäs" aber in der früheren Umgangsprache waren solche Begriffe etwas Normales. Jeder wusste, wer gemeint ist.
Ordnungsbegriff heute sind die in den 1950er Jahren per Verpflichtung eingeführten Straßennamen mit straßenbezogenen Hausnummern. Früher wurden auch in Wannweil die Hausnummern fortlaufend nach Fertigstellung der Häuser vergeben. Die ganz alten, niedrigen Hausnummern rühren von den um 1808 angelegten Brand-Versicherungskatastern her, die im Gemeindearchiv selbstverständlich noch vorhanden sind. Seit dem Mittelalter bis zur Vergabe der Brand-Versicherungsnummern wurden die Grundstücke verbal beschrieben: "An der Landstraße nach Reutlingen gelegen, stoßend auf den Kirchhof" usw.
Derzeit stehen die Geschäftsräume (EG Hauptstr. 18). Zuvor waren ein Computerladen und eine Fahrschule untergebracht. Vorher war hier bis um 2000 der Landespolizei-Posten, der mit dem wohlbekannten Herrn Sakko besetzt war. Eigentlich war das Gebäude als Filiale der Kreissparkasse um 1955 erbaut worden. Das Kreditinstitut benutzte diese Räume bis zur Fertigstellung des Neubaus in der Nachbarschaft im Jahre. 1984, wo sich die Kreissparkasse auch 2011 noch befindet.

Ursprünglich stand hier das traufständige Kleinbauernhaus von Fräulein Henes, im Volksmund "böse Bäs" genannt. Der mündlichen Überlieferung nach soll sie die toten Hennen gegessen haben, welche die Echaz herunter kamen . Diese Geschichte wird bis heute weiter erzählt. Durch Zufall ist uns ein Foto von diesem Hause in der Sammlung Ott erhalten geblieben. Der Werdegang wird im (vergriffenen) Bildband Wannweil I von 1984 auf Seite 71 geschildert. Solche Wohnverhältnisse können wir nur noch in den benachbarten Freilichtmuseen nachempfinden. Die Folge der Nutzungen mancher Gebäude im Ortszentrum ist manchmal so schnell, das einem Veränderungen gar nicht auffallen.
Botho Walldorf